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„Meine Zeitung steckt
nicht im Briefkasten“
Journalist aus der
MONGOLEI informiert sich in Bremen / Pressefreiheit als neue
Errungenschaft
Von Anne Grote
Bremen. Purevrentsen Byambadoj hat sich schnell daran gewöhnt, von seinen Kollegen beim BREMER ANZEIGER mit „Pure“ (sprich: Pudschee) angesprochen zu werden. Nicht nur der Name des 29 Jahre jungen Journalisten ist für unsere Ohren reichlich exotisch, auch seine tägliche Arbeit zu Hause in der MONGOLEI wäre für deutsche Journalisten extrem gewöhnungsbedürftig.
Das fängt schon mit der
Zustellung an: „ Bei uns kann die Zeitung morgens nicht im Briefkasten stecken,
weil die Privathäuser gar keinen Briefkasten haben“, schmunzelt Byambadorj.
Seine Zeitung, bei der er in Personalunion Verleger, Chefredakteur, Reporter
und Disponent ist, erscheint alle zehn Tage in der Provinz Selenge Aimag in der
MONGOLEI und hat 1000 feste Abonnenten. Das ist für mongolische
Verhältnisse keine schlechte Auflage; denn dieses Land ist rund viereinhalb Mal
so groß wie die Bundesrepublik, zählt aber mit 2,6 Millionen Einwohnern zu den
am dünnsten besiedelten Ländern der Welt.
Um auf dem Zeitungssektor Erfahrungen zu sammeln ist Purevrentsen Byambadorj für
zehn Monate in Deutschland, drei Wochen davon informiert er sich beim BREMER
ANZEIGER, um dann in ein anderes Print-Medium zu wechseln. Die Maßnahme läuft im
Rahmen eines Projektes „Management-Training-MONGOLEI“
der Carl Duisberg Gesellschaft im Auftrag der Bundesregierung, und Byambadorj
ist einer von 22 Frauen und Männern, die sich derzeit in unterschiedlichen
Sparten in Betrieben der Bundesrepublik weiterbilden.
Während hierzulande das Interesse an Zeitungsabonnements eher rückläufig ist,
lechtzen die Bewohner der
MONGOLEI nach Nachrichten; denn die Pressefreiheit ist für sie ein
junges Gut. Nach 70 Jahren Kommunismus begann dort 1989 ein stürmischer
Demokratisierungsprozess, der 1990 in freie Wahlen und 1992 in eine
demokratische Landesverfassung mündete.
Allerdings bedeutete dies nicht, dass in der
MONGOLEI neue Politiker die Geschicke des Landes in die Hand
nahmen. „Bis auf vier Männer besteht das 76-köpfige Parlament in Ulan-Bator aus
den gleichen Leuten wie vor der Wende“, bemängelt der Journalist.
Kritische Berichterstattung ist daher ein Hauptanliegen seiner Zeitung, denn
studiert hat er Geschichte und wollte Lehrer werden. Während seines Studiums
jobbte er bei einer Zeitung in Selenge. Nach Abschluss seines Studiums stellte
der frischgebackene Lehrer fest, dass es in seiner Heimat Aimag eigentlich keine
vernünftige lokale Zeitung gab und er gründete kurzentschlossen seine „Morning
Times“. Nach den ersten „Notausgaben“ kamen endlich auch Anzeigen ins Blatt und
die werden auch dringend gebraucht; denn von den Abonnenten kann er mit seinen
beiden Mitarbeitern nicht leben. „Es ist auch heute noch immer wieder ein
Rechenexempel ob wir die Druckkosten bezahlen können“, schränkt Byambadorj ein.
Daher ist sein größter Wunsch eine eigene kleine Druckmaschine, um diesen
unbeeinflussbaren Kostenfaktor loszuwerden.
Byambadorj setzt auf den Erfolg der kleinen Schritte und plant im mittelfristig
Machbaren. Sein Aufenthalt in Deutschland hat ihm schon jetzt viel gebracht;
denn, so der Jungunternehmer: „Die Produktionstechniken hier sind für unsere
Verhältnisse zwar noch Zukunftsmusik, doch ich weiß jetzt genau, in welche
Richtung es gehen sollte. Dazu gehören auch die nötigen Kenntnisse von
wirtschaftlichen Zusammenhängen.“
Privat hat es Purevrentsen Byambadorj nicht so sehr mit Zahlen, sondern eher mit
Worten. Er schreibt Kurzgeschichten und Gedichte, die in der
MONGOLEI auch schon als Buch veröffentlicht wurden. Viele dieser
Texte gingen sicherlich an die Adresse einer jungen Dame, die jetzt in der
MONGOLEI ein wenig einsam ist. Das wird sich allerdings im Sommer
ändern; denn „wenn ich nach Hause komme, wird geheiratet“, verrät Purevrentsen
Byambadorj einen weiteren Zukunftsplan.
Zum Bild: Mit dem Lesen der „Morning Times“ von Purevrentsen Byambadorj (links im Bild) hat Bremer Anzeiger-Chefredakteur Volker Schwennen so seine Mühe: Das Blatt ist in Kyrillisch geschrieben. Foto: Michael Bahlo
(Original Bremer Anzeiger Online / Original Scan)
(c) TRADE AFRICA, InWEnt (2002)